Ist die Idee beim Sortieren von gespendeten Kleidern entstanden oder doch bei einem Brainstorming in einer Open Borders Caravan Bern Sitzung? So genau wissen wir das gar nicht mehr, jedenfalls hatten wir den Plan schon lange: Eine «Aktion Unterhosen» starten, Geld sammeln und damit möglichst viel neue Unterwäsche kaufen! Es ist das erste Projekt dieser Art, das Open Borders Caravan Bern (OBCB) gestartet hat. Darum hat es eine Weile gedauert, aber jetzt wurde der Plan endlich erfolgreich umgesetzt. In diesem Abschlussbericht schauen wir nochmals auf die «Aktion Unterhosen» zurück.
3’000
neue Männerunterhosen
Dez. 2018
Crowdfunding, Sammelziel übertroffen
Juli 2019
Übergabe im Warehouse in Calais
Warum neue Unterwäsche?
Normalerweise funktioniert dieser Teil unserer Arbeit gut: Wir sammeln Kleiderspenden in der Schweiz, sortieren diese in Bern und die geeignete Ware wird dorthin geliefert, wo geflüchtete Menschen Unterstützung brauchen. Wie es aber unter anderem unsere kleine Strassenumfrage im Rahmen der Crowdfunding-Kampagne zeigte (Video unten): Unterwäsche ist nicht das Gleiche wie eine Hose oder Winterjacke. Die meisten Menschen würden darauf verzichten, Secondhand-Unterhosen zu tragen. Gerade wenn Menschen in schwierigen hygienischen Umständen leben, bedeutet es viel, neue und saubere Unterwäsche tragen zu können. Mit Unterhosenspenden können wir somit geflüchteten Menschen ein wenig Würde zurückgeben, wie es eine Mitarbeiterin im Warehouse in Calais ausdrückte:
«Because it’s a bit of dignity, isn’t it?»
Mitarbeiterin im Warehouse in Calais
Das Crowdfunding
Im Dezember 2018 war es endlich so weit und unser Projekt ging auf der Seite von I care for you online. Hiermit ein herzliches Dankeschön an die Mitarbeitenden dieser Organisation, die uns «Neulinge» wunderbar bei der Gestaltung des Crowdfundings unterstützt haben. Dank grosszügiger Spender*innen war das Crowdfunding ein voller Erfolg und wir konnten unser Sammelziel sogar übertreffen. Vielen herzlichen Dank für alle Beiträge!

Einkauf und Abholung in Bern
Der nächste Schritt war der Kauf von geeigneten Unterhosen. Gar nicht so einfach! Uns war wichtig, nicht den günstigsten Preis zu finden, sondern auf Qualität und möglichst fairen Handel zu achten. Nachdem wir verschiedene Anbieter in der Schweiz und in Frankreich verglichen hatten, fanden wir in Bern ein tolles Angebot. Vor Ort in Frankreich zu kaufen wäre zwar wegen des Transports sinnvoller gewesen, die Optionen überzeugten uns jedoch aus organisatorischen und qualitativen Gründen nicht.
Nach einigen Lieferverzögerungen konnten wir im Juni 2019 schlussendlich 3’000 Unterhosen abholen. Schon das Abholen war ein kleines Abenteuer, da die Unterhosen noch packweise eingescannt werden mussten, was zu den beeindruckendsten Kassenzetteln führte, die wir je in den Händen gehalten haben.


Die Bilder oben stammen aus dem ehemaligen Zieglerspital Bern, dort befindet sich unser neuer Lagerraum, wo wir gemeinsam mit anderen Organisationen unter dem Namen «Sonnenhaus» weiterhin Kleiderspenden sammeln und sortieren.
Die Fahrt nach Calais
Im Juli ging es dann endlich los. Am frühen Abend haben wir das Auto beladen, welches uns grosszügigerweise zur Verfügung gestellt wurde, uns mit Essen und Getränken eingedeckt, und sind losgefahren. Eine lange nächtliche Fahrt, immer in Richtung Norden, bis wir endlich im Morgengrauen auf Möwengekreische, Sandstrand und viele Zäune gestossen sind. Wir sind in Calais!


In Calais befindet sich ein Hafen für Fähren nach England sowie der Eingang zum Eurotunnel, welcher Frankreich und England verbindet. Viele geflüchtete Menschen haben im Umfeld von Calais (u. a. auch in Dunkerque) ihr Lager aufgeschlagen und hoffen auf eine Chance, nach England zu gelangen. Dies beispielsweise mit lebensgefährlichen Aktionen, wie sich in oder unter einem der zahlreichen Camions verstecken, die Frachten von Frankreich nach England bringen.
Anstatt dass die lokalen Regierungen Geld in die Bekämpfung von Fluchtursachen oder sonstige Projekte, welche die Lage der Geflüchteten verbessern könnten, investieren, fliesst dieses in die Abschottung: Riesige Zäune umgeben die Autobahnen in und um Calais und Polizeifahrzeuge sind allgegenwärtig. Diese unheimlichen Symbole von Europas «Flüchtlingspolitik», in einer merkwürdigen Kombination mit hübschen Sandstränden für Touristen, hinterliessen ein dunkles Gefühl in uns und beschäftigen uns immer noch.


Im Warehouse in Calais
Nach einer dringend benötigten Schlafpause haben wir die Unterhosen ins sogenannte Warehouse in Calais gebracht. Dies ist eine zentrale Sammelstelle für Kleider- und andere Sachspenden. Die Grösse und Organisation des Warehouse haben uns ziemlich beeindruckt. Mithilfe zahlreicher freiwilliger Helfer*innen werden das ganze Jahr über grosse Mengen von Spenden kontrolliert, sortiert und schliesslich in der Umgebung verteilt.

Auch nach Paris werden Kleider gebracht, wo ab September wieder Freiwillige durch die Strassen fahren und versuchen, geflüchtete Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Dies zeigt, dass natürlich nicht nur die Lage an den Grenzen Europas schwierig ist, sondern Hilfe überall benötigt wird. Es besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen OBCB, anderen Berner Organisationen und dem Warehouse in Calais, sowie den Organisationen in Paris, damit wir sinnvolle Spenden sammeln und spontan auf aktuelle Bedürfnisse reagieren können.
In Calais und Dunkerque gibt es verschiedene, meist nur kurzfristig existierende Camps, wo geflüchtete Menschen ausharren. Diese Camps können kleine Gruppen bis zu mehreren hundert Personen umfassen. Meist sind diese nach Nationalität aufgeteilt. In diesen Camps leben Menschen verschiedener Geschlechter, Alter und Herkunft. Normalerweise wird für Familien, Frauen und Kinder mehr und schneller Hilfe geleistet, etwa durch staatliche Organisationen oder lokale Hilfsorganisationen, als für die geflüchteten Männer. Es ist auch einfacher, gespendete Frauen- und Kinderkleider zu sammeln. Aus diesen Gründen fokussieren sich die Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten, eher auf Männer. Darum sammeln wir in Bern und Region auch bevorzugt Männerkleider, daher haben wir nur Männerunterhosen gekauft.

Dass Unterhosen eine gefragte und wichtige Ware sind, hat sich auch im Warehouse in Calais gezeigt. Momentan herrscht eigentlich ein Annahmestopp, damit das Lager ordentlich bleibt und vorhandene Spenden sortiert werden können. Neue Unterhosen werden aber jederzeit dankend angenommen.
Der Besuch des Warehouse, wo wir sehr herzlich empfangen wurden und sogar eine Tour durch das Lager bekamen, gab uns wieder etwas Hoffnung. Es ist beeindruckend, wie viele Menschen aus ganz Europa bereit sind, ihre Zeit und Energie für solche Projekte zu investieren. Manche bleiben einige Tage, andere Helfer*innen arbeiten monatelang in Calais. Kleiderspenden sortieren, das wissen wir aus eigener Erfahrung, kann ziemlich anstrengend und mühsam sein. Auch die Verteilaktionen sind nicht immer einfach, wie uns eine Mitarbeiterin erzählte. Die geflüchteten Menschen stehen unter Stress und haben auf der Flucht schon viele tragische Dinge erlebt. Die freiwilligen Helfer*innen sind somit mit schweren Schicksalen konfrontiert und es ist einiges an Erfahrung nötig, damit die Verteilaktionen nicht chaotisch oder unfair verlaufen.


Zum Schluss
Zum Abschluss haben wir an verschiedene Spender*innen Postkarten geschrieben, wie wir dies beim Crowdfunding versprochen haben. Es war ziemlich absurd, die hübschen Karten von Sonnenuntergängen und beeindruckenden Gebäuden, mit Berichten über die Unterhosenaktion zu füllen. Wieder wurde in Calais für uns sicht- und fühlbar, wie schwierig die Situation von geflüchteten Menschen in Europa ist. Friede, Sightseeing und Sonnenschein, dies beschreibt deren Lage durchaus nicht. Wie uns im Warehouse berichtet wurde, ist Polizeigewalt gegen geflüchtete Menschen nach wie vor an der Tagesordnung. Regelmässig werden Zelte und Kleider zerstört und Menschen weiter vertrieben.
Unsere Hoffnung für die «Aktion Unterhosen» ist, dass die gespendete Ware möglichst viele Menschen erreicht und ihnen dadurch, wie am Anfang erwähnt, ein wenig Würde zurückgegeben wird. Die Aktion soll jedoch auch als Zeichen der Solidarität gegen Europas stacheldrahtverschlossene Grenzen und Herzen wahrgenommen werden.
Deine Spende hat dies möglich gemacht, vielen Dank dafür.
Wir sammeln weiterhin Kleider, vor allem Männerkleider werden wie beschrieben immer gebraucht. Wer einen Freiwilligeneinsatz im Warehouse in Calais oder in Paris machen möchte, darf sich gerne bei uns melden.
Abschlussbericht von Open Borders Caravan Bern, Bern, Juli 2019. Fotos: Open Borders Caravan Bern.
